INTERVISTE | 2003
in Italia e dall'esteroDa: “Die Furche” nr. 17/ 24 April 2003
Noch ist Afrika am starksten von Aids betroffen. Aber demnachst werden es China und Indien sein, wenn nicht massiv entgegen gewirkt wird. Gesprach mit dem International tatigen AidsExperten Massimo Barra.
DIE FURCHE:
Im Zuge Ihrer Arbeit fur in Rote Kreuz haben Sie mehr als 70 Lander bereist. Welche sind am meisten von Aids, Tuberkulose oder Malaria betroffen?
MASSIMO BARRA:
Bis jetzt hat sich Aids am meisten in Afrika verbreitet. Tuberkulose und Aids sind Krankheiten der Armen. Promiskuitat und mangelnde Freiheit sind weitere Grunde. So gibt es derzeit in den Gefangnissen Osteuropas eine explosionsartige Zunahme von Tuberkulose Fallen. Auch Aids verlagert sich Menschheit und hat schob mehr Opfer gefordert als alle Kriege des 19. Jahrhunderts.
DIE FURCHE:
Was musste ges geschehen, um den AidsOpfern wirksam zu helfen?
BARRA:
90 Prozent der Hilfsmittel werden heute fur zehn Prozent der Kranken eingesetzt und nur zehn Prozent fur alle ubrigen Kranken. In den wenigen reichen Landern sind die Gesundheitsbehorden im Stande allen jenen, die das brauchen, entsprechende Therapien zukommen zu lassen. In der Dritten Welt schatzt man heute die Zahl derjenigen, die eine Behandlung brauchen, ohne die sie sterben mussen, auf funf Millionen.
Mit den heute zur Verfugung stehenden Mitteln kann man in den nachsten funf Jahren aber nur 500.000 Kranke behandeln. Daher mussen wir einen anderen Gang einlegen; Eine Moglichkeit ware, die Menschen zu mobilisieren. Wenn die Leute sicher waren, dass ihr Geld richtig verwendet wird, konnte man sie veranlassen, sooft sie in einen Supermarkt gehen, zehn Cents fur diesen Zweck, Leben zu retten, zu spenden.
DIE FURCHE:
Konnte man sich vorstellen, dass der “Global Fund to Fight Aids Tuberculosis & Malaria” in dessen Aufsichtsrat Sie im Janner berufen wurden, Garant fur die widmungsgema§e Verwendung solcher Gelder sein konnte?
BARRA:
Der “Global Fund” ist eine Initiative des letzten Jahres, gewollt vom Generalsekretar der UNO und den GS, der Konferenz der wichtigsten Industriestaaten. In ihm arbeiten erstmals Regierungen, der private Sektor und NGOs zusammen. Der Fonds wird von einem Aufsichtsrat geleitet, in dem Spender und Empfanger Lander in einem System der totalen Gleichheit vertreten sind.
Die Idee von Kofi Annan war, dass der Fonds mit zehn Milliarden Dollar pro Jahr dotiert sein sollte Tatsachlich haben wir aber nur eine bis 1,5 Milliarden im Jahr. Da die Ausgabenprogramme fur mehrere Jahre festgelegt werden, muss man jahrlich eine substanzielle Geldversorgung des Fonds zustande bringen, sonst kommt er in die Krise. Wahrend der letzten Sitzung wurden Hilfsmittel in der Hohe von 850 Millionen Dollar in 60 Lander geschickt. Fur den Ankauf von Medikamenten gibt es derzeit zu wenig Mittel.
DIE FURCHE:
Neben Ihrem Engagement im Kampf gegen Aids leiten Sie seit Jahren eines der gro§ten Drogenzentren Italiens. Welche Erfolge werden dort erzielt?
BARRA: “
Villa Maraini” ist 1976 entstanden. Sie ist das einzige Zentrum das Jahr ein, Jahr aus rund um die Uhr offen steht. Rund 150 Personen sind dort beschaftigt, die Halfte davon Freiwillige. Das Kennzeichen unseres Zugangs ist, dass wir uns nicht auf eine bestimmte Art von Intervention festlegen, sondern samtliche der Wissenschaft bekannten Mittel anwenden, um das Phanomen Droge zu bekampfen. Wir wollen dort nicht nur jene heilen, die mit den Drogen aufhoren wollen, sondern auch jenen helfen, bei denen die Motivation aufzuhoren, noch nicht ausgereift ist. Es versteht sich, dass man diese anders behandeln muss als erstere. Jahrlich behandeln wir an die 3.000 Kranke.
DIE FURCHE:
Gelingt es, Drogenahhangige vollstandig zu heilen? Und wie aufwandig ist das?
BARRA:
Unsere Therapien verlangen nicht unbedingt eine stationare Behandlung. Bei uns ubernachten nur diejenigen, die vom Gericht Hausarrest bekommen haben. Die Behandlungen dauern Jahre. Was den Erfolg anbelangt, spreche ich vom Gesetz der 33 Prozent. Nach zwolfjahriger Drogeneinnahme ist ein Drittel der Kranken tot, ein Drittel macht weiter und ein Drittel ist geheilt. Der Ablauf der Zeit erleichtert die Behandlung. Denn mit der Zeit verwandelt sich die Liebe zur Droge in Hass. Der Ablauf der Zeit ist also in sich therapeutisch.
DIE FURCHE:
Sie arbeiten viel mit der Polizei zusammen, um die Lebensbedingungen inhaftierter Drogenahhangiger zu verbessern…
BARRA:
Es versteht sich, dass ein Drogenabhangiger, der in der Haft plotzlich keine Drogen mehr bekommt, eine Abstinenzkrise hat. Deshalb ruft uns die Polizei zu Hilfe. Auf diese Weise konnten wir erreichen, dass es so gut wie nicht mehr zur Selbstverletzung oder zur Verletzung anderer – was fruher oft der Fall war – kommt. Dafur sind uns die Polizeikrafte sehr dankbar. Sie haben auch verstanden, dass eine menschliche Haltung fur alle vorteilhaft ist, denn Gewalttatigkeit provoziert nur weitere Gewalttatigkeit. Leider erlaubt sich ein zivilisiertes Land wie Italien immer noch Zellen, die einem mittelalterlichen Kerkerahneln. Es ist unertraglich, dass es nagelneue, fast luxuriose Polizeikasernen gibt, wahrend die winzigen Haftzeilen im feuchten Keller liegen, ohne Betten, nur mit Brettern ausgestattet.
Professor D. Massimo Barra ist Italiener, Begrunder und Direktor der “Villa Maraini” in Rom, einer Stiftung des Roten Kreuzes. Sie betreute bisher rund 25.000 Drogensuchtige. Weiters ist er seit uber 20 Jahren tatig. Im Janner 2003 wurde er als einer von zwei Europaern in den Aufsichtsrat des “Weltfonds zur Bekampfung von Aids, Tuberkulose und Malaria” berufen, wo er die NGOs vertritt.